Ich denke, dass die Festbrennweiten heute nur noch im Programm sind, um die "alten Meister" adäquat zu bedienen, sie nicht zu überfordern mit Zooms oder sogar Suppenzooms. Es ist quasi ein humanitärer Akt der Fotoindustrie, stupide, einbrennweitig Sehende, Denkende und letztendlich Handelnde zu bedienen.
Unbestätigten Meldungen zufolge soll es von Olympus für die neue, weltmeisterliche Suuuperzoomkamera ein Trainingslager in der Lüneburger Heide geben. Dort lernt man in speziellen Simulationsräumen alle Brennweiten zwischen 28 und 580 mm zu unterscheiden. Wer z.B. exakt sagen kann, wann er 267 mm anstelle von 273mm oder 492mm anstelle von 503 mm Brennweite bevorzugt, erhält das Superzoomdiplom.
Warum so knurrig? Die Festbrennweite als Universalobjektiv hat schon seit den 80ern ausgedient - man betrachte bitte die Produktportfolios sämtlicher Hersteller - FBs sind heutzutage Spezialisten.
Nicht umsonst heißt der Thread ja "Die 14-54-Strategie". Vor 50 Jahren hätte man dafür drei Festbrennweiten gebraucht, und nun befürchtet man bei einem Zoom, das eine damals komplette Ausrüstung abzudecken vermag, bereits eine Einschränkung.
Die Festbrennweite ist längst nicht mehr der Normalfall, sondern die Ausnahme, was zu einer gewissen Mythisierung geführt hat. Die Argumente, die für sie ins Feld geführt werden, sind "höhere Abbildungsleistung", "höhere Lichtstärke" und, immer mal wieder, "Formung des fotografischen Charakters". Die ersten beiden Argumente sind rational nachvollziehbar, das letzte dagegen nur schnurrig. Es suggeriert, mit einem Zoom könne man weniger konzentriert oder bewußt arbeiten, als mit einer FB, da eine Reduktion der Möglichkeiten einen größeren Grad an Freiheit bedeutet. Also kein technisches Argument, sondern ein moralisches. Ein fotografisches Fastengebot zur inneren Purifikation gewissermaßen.
Klar geht das - aber man muss dann auch bereit sein, die Welt mit völlig anderen Augen zu sehen. Der durchschnittliche Amateur, der idealistisch und ballastfrei mit einer einzigen FB in Urlaub fährt, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststellen, dass ihm etwas schmerzlich fehlt, weil er z.B. das Segelschiff auf dem Meer doch gerne formatfüllend fotografiert hätte, oder das idyllische Fachwerkhaus in seiner Gänze, und nicht nur im Ausschnitt. All das muss man dann bereit sein, aufzugeben.
Das kann man ja machen - nichts dagegen. Nur hat sich der Thread gewandelt von der Befürchtung, ein Universalzoom solo bedeute bereits eine schmerzliche Einschränkung der Möglichkeiten hin zur Festbrennweite als bewußt gewählte Einschränkung mit läuterndem Effekt auf den Fotografen. Ich halte das für Retro-Purismus. Man könnte mit selbem Recht den AF, die Belichtungsautomatik, den internen Belichtungsmesser abschaffen, die Bildstabilisierung, Live-View, sich weiterhin auf 5Mpix und maximal verwendbare ISO 400 beschränken. Auch all das vermag durch Einschränkungen zu einem bewußteren Fotografieren zu führen.
Der Gegenbeweis für die Purismus-These, den ich ins Feld führe, sind Leute, die noch nie eine Festbrennweite in der Hand hatten, und trotzdem hervorragende Bilder machen. Nur, wie will man beweisen, dass das hervorragende Foto mit einer FB nicht auch mit einem Zoom hätte entstehen können?