Die "Aldi"-Fotos sind sehr interessant unter dem Aspekt einer künstlerischen Betrachtungsweise. Zunächst sind sie grafisch gestaltet: Flächen und Linien sind heraus gearbeitet. Eine Ausrichtung am Horizont hätte wahrscheinlich weniger Dynamik gebracht als die Diagonalen, wofür sich Uhrig entschieden hat. Für mich absolut nachvollziehbar.
Dann wird keine Werbung, kein Firmenschild gezeigt, wie schon geschrieben wurde. Die Form, das Gezeigte bekommt dadurch etwas exemplarisches, das eben nicht konkret an Aldi, Lidl, etc. gebunden ist.
Schließlich handelt es sich um ein gnadenlos alltägliches, schamlos banales Motiv. Fast jeder hier betritt sicher regelmäßig eine solche nüchterne "Verkaufsraum-Kiste". In dieser Umsetzung bekommt diese Konsum-Industrie-Architektur durchaus eine ästhetische Komponente, die aber auch gleichzeitig aufzeigt, daß nicht mehr drin ist: "So sieht es aus, schöner wird es nicht". Die relativ grelle Lichtsituation unterstützt diese Darstellung, die für mich auch einen kritischen Standpunkt ausdrückt. Auch emotional transportiert das etwas. Es ist ein Ort, an dem ich eigentlich nicht verweilen möchte, er ist mir zu abweisend, zu festungsartig, zu beklemmend. Aber tatsächlich lassen wir uns unsrer Umwelt überall so zurichten, weil wir nicht mehr genau hinsehen.
Kunst kann im besten Falle anregen, die Umwelt besser wahrzunehmen. Wer diese Fotos sieht, wird sich sagen: "Das kenne ich doch, irgendwo habe ich das schon mal gesehen. Ach ja klar, so sieht das doch bei Aldi in unserem Stadtviertel aus. So genau habe ich da noch nie hingesehen."
Diese Banalität der Motive kann erschrecken, und das mag der Grund sein, daß hier so viele diese Bilder so schlecht beurteilen: "Ich gebe mir Mühe, das besondere Motiv zu finden und es besonders ab zu lichten und besonders nach zu arbeiten, gebe riesige Summen dafür aus und die kommen daher und knipsen einfach rum, womöglich noch mit einer Kompaktknipse! Das geht aber gar nicht!!" Vielleicht ist das auch in der Tiefe eine Abwehr gegen diese Banalität in unserer Umwelt, die an den Bildern, die sie uns zeigen, ausgelassen wird.
Wenn Kunst sich aber mit der Welt um uns beschäftigt und sie uns zeigt, dann kann es nicht nur um das "Schöne", das "Besondere", das "einzig Wahre" gehen. Wer nur so etwas sehen und zeigen will, der flieht eigentlich lieber aus dem Alltag. Das ist nicht verboten und ist auch Ausdruck unserer Sehnsucht nach dem "Schönen". Aber die Welt um uns ist nicht so und wenn wir das nicht zur Kenntnis nehmen wollen, haben alle diejenigen weiterhin ein leichtes Spiel, die uns dieses architektonisch trockene ästhetische Brot vorsetzen.
Gruß, Jürgen