Re: Alte Objektive noch zeitgemäß?
Es ist schon einigermaßen befremdlich – um nicht zu sagen: erschreckend –, welche Geschichtsvergessenheit hier zum Tragen kommt. Und das nicht zum ersten Male. Dabei geht es doch nur um die Geschichte der Digitalfotografie der letzten fünfzehn bis zwanzig Jahre. Eigentlich sollte ein so überschaubarer Themen- und Zeitrahmen das Gedächtnis der meisten von uns nicht überfordern.
Denn diese Frage – also, ob die bisherigen oder früheren Objektive der jeweils neuesten Digitalkamera-Generation noch gerecht würden, also "noch zeitgemäß" seien – wird seit Anbeginn der Digitalfotografie JEDES EINZELNE MAL gestellt, sobald einer der einschlägigen Hersteller ein neues Kameramodell ankündigt, dessen Pixelzahl den bislang üblichen Wert nennenswert überschreitet. Und JEDES EINZELNE MAL verschwindet die Frage sang- und klanglos in der Versenkung, sobald die ersten Exemplare der neuen Kameramodelle in ausreichender Zahl in den Händen der Hobbyfotografen angekommen sind und diese dann aller Skepsis zum Trotz empirisch feststellen müssen: Ja, die alten Objektiven funktionieren immer noch. Frage geklärt, danke und tschüß, bis zur nächsten Runde im Megapixelrennen.
Denn tatsächlich stellt sich diese Frage letztlich gar nicht ... oder allenfalls denen, die keine Ahnung haben, wie Objektive funktionieren. Denn Objektive haben keine Megapixel. Ein gutes Objektiv wird auf jedem Sensor (passenden Formates) ein gutes Objektiv sein – einerlei, ob der sechs, sechzehn oder sechzig Megapixel hat. Es wird sogar mit zunehmender Sensorauflösung sozusagen immer besser ... wie jeder weiß, der schon einmal diverses "Altglas" an modernen Digitalkameras ausprobiert hat. Doch anscheinend geistert in vielen Köpfen die absurde Vorstellung herum, Objektive könnten von hochauflösenden Sensor gleichsam "überfordert" werden, so daß ihre Leistung "zusammenbricht" und nur noch technisch minderwertige Aufnahmen zustandekämen. Keine Sorge – so etwas wird nie passieren.
Natürlich sind Objektive von heute – zumindest die der oberen Preisklassen – besser als die von früher. Und die von früher wiederum sind im Mittel besser als die von noch früher. Aber die Objektivkonstrukteure und -hersteller steigern die Leistung ihrer Produkte nicht, weil moderne Sensoren dies erforderlich machten. Sondern weil sie's können ... und weil sie's früher nicht konnten, zumindest nicht zu akzeptablen Preisen.
Wenn man heute ein modernes Hochleistungsobjektiv mit einer älteren Optik vergleicht, so wird die neue Optik auch dann die bessere Leistung zeigen, wenn man den Vergleich auf einem Sensor von vor zwanzig Jahren durchführt ... oder auf Film. Das heißt, auch früher schon wäre die höhere optische Leistung wünschenswert, wahrnehmbar, nutzbar und willkommen gewesen. Sie hat es früher nur deswegen noch nicht gegeben, weil sie mit den damaligen technischen Konstruktions- und Fertigungsmethoden nicht machbar oder nicht bezahlbar gewesen wäre – und nicht etwa deswegen, weil sie mangels hinreichend hoch auflösender Sensoren ungenutzt verpufft wäre.