Was bedeutet es denn "in den Bildern Geschichte erzählen"?
Tatsächlich gibt es das nicht. Es gibt nur "Geschichten nacherzählen" -- Situationen, die der Betrachter aus eigenem Erleben kennt und daher das Bild als "ikonisch" einstuft. Ein völlig unbekanntes Geschehen kann mit einem Bild nicht kommuniziert werden, weil der Kontext fehlt. Dann kommt halt der Bildtitel oder in Zeitschriften der Text dazu, das Bild wird zur Illustration und raubt (!) dem Betrachter die Möglichkeit, sich selbst etwas unter dem Erwähnten vorzustellen.
Geschichten erzählt sich also jeder Betrachter selbst, nur ganz besonders bekannte Symbole können zum Auslöser für "gelenkte" Wahrnehmung werden. So wie das nackte Mädchen aus Vietnam, oder Che, oder das Verbrennen einer Flagge: Bild-Kommunkation ist überaus schwierig, weil Bilder eben keine Sprache haben. Bild zeigen recht brauchbar Adjektive (rot, rau, schnell, statisch), mehr oder weniger klar Substantive (Auto, Haus, Frau, Kind) und überaus missverständlich Verben (sitzt, stirbt, springt, küsst, v**t, …).
Aus diesen Begriffsfetzen schustert sich der Betrachter in Reflexion seiner eigenen Erfahrung die "Bildaussage" zusammen. Was für den einen eine lustvolle Übung aus dem Kamasutram ist, ist dem anderen eine Vergewaltigung: es liegt ausschließlich im Kopf des Betrachters, sich aus dem, was er wahrnimmt (was mit der tatsächlich im Bild gebotenen Information nur sehr mittelbar zu tun hat), eine Situation zu erklären.
Wobei wir das nächste Dilemma unseres Denkmuskels angesprochen hätten: Der kann sich nämlich a.) nichts vorstellen, was er nicht schon gesehen hätte. Warum sehen die "vorgestellten" Romanfiguren beim Lesen immer irgendwem ähnlich, den man schon mal gesehen hat, und wenn nur im Fernsehen? b.) leitet der Denkmuskel bei allem, was ihn nicht einleuchtet, ein Erklärungsfurioso ein. Klar kreist die Sonne um die Erde, das kann man beweisen. Klar wird zu hohe Geschwindigkeit für den Organismus tödlich sein, klar waren die nicht am Mond. Usw. Das macht (mäßig) surreale Bilder so erfolgreich. Dali mit dem Pinsel, Newton mit der Kamera: man sieht etwas, das man so noch nie gesehen hat. Es wird ein neues Bild in das Fotoalbum mit dem silbernen Knopf gesteckt und wenn man es wieder sieht, stellt sich das Gefühl von Vertrautheit ein.
Wer also meint, ein Bild erzähle eine Geschichte, meint eigentlich, dass ein Bild bei ihm Erinnerungen geweckt hat, die eine mühelose Interpretation des Gezeigten ermöglicht haben. Oder ganz präzise:
Bilder, die Geschichten erzählen, wärmen beim Betrachter Erinnerungen auf.