AW: Re: Wie kann ein Objektiv ein Öffnungsverhältnis größer als eins haben?
Was in Sachen geometrischer Öffnung theoretisch und in der Praxis "geht", kann relativ einfach beschrieben werden:
A: Theoretische Limits
Bilde ich aus einem Punkt kommendes Licht ab, so gilt immer die Beziehung, dass maximal das gesamte, von diesem Punkt ausgehende Licht wiederum in einen Fokus gesammelt werden kann. Das wäre z.B. ein Brennpunkt in einem innenverspiegelten Ellipsoid, der in den zweiten Brennpunkt dieses Körpers projeziert wird. Das wäre dann eine "4-pi"-Projektion mit numerischer Apertur von 2 bzw. einer apparenten Öffnung von f/0.25.
Möchte ich eine Projektion aus dem hinteren Halbraum nicht zulassen z.B. weil ich eine flächige Projektion benötige und bin ich auf eine Projektion in Luft angewisen, dann reduziert sich das Ganze auf den vorderen Halbraum, der mit 2-pi (180°), also einer numerischen Apertur von 1 bzw. einer Öffnung von f/0.5 sein theoretisches Maximum erreicht.
Kann ich die Projektion in ein optisch dichteres Medium (Wasser, Glycerin, Öl, Harze, ...) verlagern, dann erhöht sich die max. erzielbare numerische Apertur um den Wert des Brechungsindexes (z.B. 1,33 für Wasser; 1,47 für fast reines Glycerin; 1,51 für Immersionsöl) und die max. erzielbare Öffnung liegt dann bei f/(0.5/1,33) = f/0.376 bis f/(0.5/1,518) = f/0.33
B: Praktische Grenzen
Wo tatsächlich die Grenzen liegen, zeigt die Mikroskopie, bei der Objektive unter konsequenter Opferung von Bildkreisdurchmessern bis nahe an die theoretisch vorgegebenen Grenzen hin getrieben wurden und werden:
Ein Luftobjektiv mit NA = 0,95 existiert (
https://www.micro-shop.zeiss.com/?l=de&p=de&f=o&a=v&m=a&id=420661-9970-000) ebenso wie ein Wasserobjektiv mit NA = 1,3 (
https://www.micro-shop.zeiss.com/?s=18418575815290e&l=de&p=de&f=o&a=v&m=s&id=420882-9970-720) oder ein Ölimmersionsobjektiv mit NA = 1,49 (
https://www.micro-shop.zeiss.com/?s=18418575815290e&l=de&p=de&f=o&a=v&m=s&id=421190-9800-000). Mit Immersionsmedien besonders hoher Brechungsindices kommt man sogar noch ein wenig darüber. So z.B. auf NA = 1,57 (
https://www.micro-shop.zeiss.com/?s=18418575815290e&l=de&p=de&f=o&a=v&m=s&id=420792-9771-000).
Wir sprechen also von realen (Mikroskop)-Objektiven mit f/0.52 - f/0.32.
Fordert man etwas größere Bildkreise, so landet man bei der Immersionslithographie und einer numerischen Apertur von 1,35, entsprechend einem Öffnungsverhältnis von f/0.37. Die Objektive sind für nur eine einzige Wellenlänge gerechnet, Manns-groß und kosten mehrere Mio € pro Stück:
http://wettengl.info/Blog/Dokumente/D119-ASML-Twinscan-Zeiss-Starlith.jpg