Eine schwere DSLR ist am Auge viel ruhiger zu halten.
Korrekt! Jede andere Antwort ist auch falsch oder zumindest unpräzise.
Beim grundsätzlichen Design von Kameras ist man nicht zufällig auf die "Haltung am Auge" gekommen. Sicher, es hat auch immer ein paar Alternativen gegeben (Lichtschachtsucher), aber die überwiegende Mehrzahl der Kameras haben ihre Position am Auge. Einerseits bestand/besteht natürlich das Bedürfnis, den Bildausschnitt relativ präzise bei der Aufnahme festlegen zu können, andererseits sieht auch der Fotograf primär nicht mit seinem Bauchnabel, sondern mit seinen Augen. Ziemlich natürlich also, dass dort auch die Kamera gut aufgehoben ist.
Wie gut diese Position gewählt ist, zeigt sich schnell, wenn man sich dann mit der humaoiden Anatomie beschäftigt. Tatsächlich sind wir nicht in der Lage, größere Lasten - und hier wird schon die Tafel Schokolade zum Problem - körperfern stabil zu halten. Physikalisch schlägt hier die Gravitation zu, die Belastung der Arm- und Schultermuskulatur wird durch den ausgestreckten Arm auf maximiert - jedenfalls solange wir vom aufrecht gehenden Individuum ausgehen, kriechend und liegend sieht das etwas anders aus. Leider schlägt an dieser Stelle dann zuätzlich noch eine Eigenschaft der meisten unserer Muskel zu: Wir können zwar gut dynamische Muskelarbeit leisten, aber im direkten Vergleich fast überhaupt keine statische! Das Halten der Kamera ist statische Muskelarbeit pur. 1kg Kamera, Eigengewicht und Länge des Arms setzen uns schwer zu (das passende Stichwort in der Mechanik heisst übrigens Lastarm). Die Folge der beschriebenen Belastung ist ein unwillkürliches Zittern - der Garant für verwackelte Bilder!
Uns bleibt also nur eine Kompensation unserer "Schwäche": Die Kamera muss körpernah gehalten werden! Mit angewinkelten Armen ergibt sich zwangsläufig die Haltung vor dem Kopf oder mit ausgestreckten Armen auf Höhe des Genitalbereichs. Mit Unterstützung eines Kameragurts erreichen wir eine Position irgendwo zwischen Bauchnabel und Brustwarzen, was aber selbst mit einem Klappsucher ziemlich unpraktisch ist, da unsere Halswirbelsäule einen stressfreien Blick nach unten - wieder aus anatomischen Gründen - erschwert. Bleibt also nur die am Gurt baumelnde Kamera, die mit ausgestreckten Armen vom Körper ferngehalten wird, so dass Rumpf, Gurt und Arme ein doch relativ stabiles Dreieck bilden.
Und jetzt kommen die Techniker ins Spiel: Erhöhen wir doch einfach die ISOs und verwenden zusätzlich einen gutes Stabilisierungssystem, dann geht´s notfalls auch einarmig und leidlich verwacklungsfrei. Sorry, warum werden ansich sinnvolle Technologien eigentlich immer zweckentfremdet? Bei Kompaktkameras hat das dazu geführt, dass die Sucher verschwunden sind und die resultierende Bildqualität eindeutig schlechter ist, als sie es nach dem eigentlichen Stand der Technik sein müsste. Weil´s geiler ist? Weil man das heute eben so macht? Warum ballert der Biathlet eigentlich immer noch mit einer Flinte mit Zielfernrohr, wenn eine grob in Zielrichtung gehaltene Schrotflinte eigentlich auch funktioniert? Eine locker geworfene Handgranate sorgt sicher auch dafür, dass die Scheibe im Ziel hinreichend beschädigt wird.
Wie miserabel die Displays darstellen, wenn "Störlicht" auf sie fällt, muss man ja nicht wirklich diskutieren. Mit dem Handy dreht man sich einfach um, dann wird´s besser. Bei der Kamera zeigt sich jedoch sehr schnell, dass das praxisuntauglich ist, weigern sich doch besonders Immobilien oder Landschaften, dieser Kehrtwende zu folgen.
Nun gut, genug davon. Es gibt noch ein wichtiges Argument für einen Sucher. Ein nicht unerheblicher Teil der Weltbevölkerung benötigt für scharfes Sehen im Nahbereich (wenige Zentimeter bis Armlänge) eine Lesebrille. Vorwiegend betrifft das übrigens die Gruppe "Ü-40". Während ein anständiger Sucher selbstverständlich einen Diotrienausgleich hat, suchen wir den bei Displays natürlich vergeblich.
Ich jedenfalls werde erst auf den Sucher verzichten, wenn die Kamerahersteller das Liveviewbild direkt in oder vor mein Auge projizieren. Klappdisplay? Ein lächerlicher, unkreativer und sehr konventioneller Versuch zur Problemlösung. Wie wär´s denn einfach mal mit einer Brille mit Einblendung?