Irgendwie hat das auch alles mit der ursprünglichen Frage nicht mehr viel zu tun oder?
Der Themenersteller hat eine konkrete Problemstellung mit Beispielbildern geliefert und fragt nach möglichen Ursachen. Beim gezeigten Bild gerät der Weißabgleich per Pipette (für mich nachvollziehbar) zu 'warm' / rotstichig.
Frage: was verstehe oder mache ich [falsch]? Was ist richtig. Und zwar nicht alleine auf subjektive Wahrnehmung basierend, sondern hinsichtlich der originaltreuen Wiedergabe.
Die Frage nach dem 'technisch korrekten' Weißabgleich schließt für mich die zuvor genannten subjektiven Herangehensweisen weitgehend aus - das Bild soll zunächst nicht gefällig oder stimmungsvoll sein, sondern eine möglichst neutrale Farbwiedergabe haben.
Am naheliegendsten für einen stimmigen Weißabgleich ist die Messung der, bzw. ein Abgleich auf die
Lichtfarbe, z.B. mit Hilfe der erwähnten Expodisc. Schwierig können dabei Mischlichtsituationen sein - gerade im Wald bzw. Baumschatten ist gern ein zusätzlicher Grünstich mit im Spiel.
Falls das nicht praktikabel ist, kommt ersatzweise ein Referenzobjekt zum Einsatz ("Körperfarbe"). Entweder wird darauf abgeglichen, oder die Referenz wird mitfotografiert, um ggf. später in der EBV eine entsprechende Korrektur vornehmen zu können.
Damit das funktioniert, muss die Referenz
farbneutral sein, was man nicht immer als automatisch gegeben voraussetzen sollte. 'Weiß' erscheinende Gegenstände wie z.B. T-Shirts oder Papier können beispielsweise optische Aufheller enthalten, die das Ergebnis verfälschen. Prinzipiell
kann der Weißabgleich auch mit einer Graukarte funktionieren, solange sie die Voraussetzung erfüllt. Viele im Druckverfahren hergestellte Graukarten haben aber das Problem, dass sie in Abhängigkeit von der jeweiligen Lichtfarbe einen mehr oder weniger starken Farbstich zeigen (
Metamerie). Beim gezeigten Bild gibt es in dieser Hinsicht eine auffällige Diskrepanz zwischen den unterschiedlichen Karten bzw. (in geringerem Ausmaß) den einzelnen Feldern der Karte rechts, und sogar innerhalb der Karte(nfläche) links. Zum Teil mag das damit zusammenhängen, dass hier 1,5 Megapixel in 120 KB JPEG gequetscht wurden.
Eine Weißkarte ('echtes' Neutral-Weiß) eignet sich meiner Meinung nach besser für den Abgleich, weil bei hellen Tonwerten eventuelle Farbverschiebungen deutlicher hevortreten, bzw. der Korrekturwert präziser bestimmt werden kann, als bei 'mittlerem Grau'. (Voraussetzung hierbei ist wiederum, dass man eine
Überbelichtung vermeidet, weil dadurch die Gefahr besteht, dass Farbkänale in die Sättigung getrieben und die resultierenden Farbtöne verfälscht würden.)
Der
nachträgliche Weißabgleich in der Bildbearbeitung steht vor einer zusätzlichen Schwierigkeit: Die 'Pipette' erfasst normalerweise immer nur einen bestimmten Punkt des Bildes. Bei inhomogenen Flächen gerät der 'richtige' Weißabgleich erneut zum Glücksspiel, und kleinste Abweichungen durch Tonwertabstufungen oder sogar Rauschen können spürbar Auswirkung auf das Resultat haben. Insofern würde ich ggf. den Weißabgleich in der Kamera anhand eines 'flächigen' (formatfüllenden) Referenzbildes der Pipetten-Methode vorziehen.
Wer hier so exakt wie möglich arbeiten will, hat mit zahlreichen Störeinflüssen und Fehlerquellen zu kämpfen, und kommt i.d.R. um geeignetes 'Werkzeug' und einen gewissen Aufwand nicht herum. Der ist sicher nicht unbedingt für jedes Bild gerechtfertigt (und umgekehrt ist insofern der 'subjektiv' richtige Weißabgleich für die meisten Aufnahmen völlig ausreichend). Aber er kann auch mal den Unterschied zwischem einem in sich 'stimmigen' Bild und ziellosem Herumraten ausmachen. (Das cremefarbene Brautkleid im Schatten unter grünen Bäumen als Albtraum aller Hochzeitsfotografen.

)
Gruß, Graukater