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Alt 20.11.2006, 13:47   #3
scorpio
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Standard AW: Hochzeitsfotografie für Amateure - Ein Leitfaden

1. Ich brauche Hilfe - oder: Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?

1.1 Warnung!
Wenn Sie diesen Leitfaden lesen, nehme ich an, dass Sie als Amateurfotograf von Verwandten, Bekannten oder Freunden gebeten worden sind, ihre Hochzeit als "offizieller" Hochzeitsfotograf zu begleiten. Das Erste, was Ihnen jeder professionelle Hochzeitsfotograf nun sagen wird, ist: Lassen Sie es sein! Gehen Sie nicht nur, sondern rennen sie schnellstens zum nächsten erreichbaren Ausgang. Hochzeitsfotografie ist nichts für schwache Nerven.
Ihre Freunde werden Ihnen erklären, dass sie keine großen Erwartungen in Sie setzen, weil sie ja wissen, dass Sie Amateur sind. Glauben Sie ihnen nicht! Sie haben Erwartungen. Eine Hochzeit ist ein sehr emotionales Ereignis mit jeder Menge Erwartungen von allen Seiten. Diese Erwartungen sind größer als Sie glauben mögen. Es gibt bei der Hochzeitsfotografie vielfältige Variablen. Wenn irgendetwas davon nicht passt und etwas geht schief (und irgendetwas wird mit Sicherheit schief gehen), werden Sie als Fotograf dafür verantwortlich gemacht, auch wenn Sie gar keinen Einfluss darauf hatten. Viele Freundschaften und Beziehungen sind auf Grund solcher Missgeschicke schon zerbrochen und selbst Familien entzweiten sich, weil eine Hochzeit nicht adäquat fotografiert worden ist.

Versuchen Sie mit allen Mitten, das Brautpaar davon zu überzeugen, einen professionellen Fotografen zu beauftragen und Sie lediglich als "zweiten Mann" mitfotografieren zu lassen. Versuchen Sie das Paar zu überzeugen, zumindest für die formellen Fotos einen Profi zu engagieren, so dass Sie lediglich die weniger wichtigen Bilder – z.B. auf der Party - zu machen brauchen. Eine weitere Option wäre es, dem Paar nahe zu legen, vor oder nach der Hochzeit ein professionelles Studio aufzusuchen, um dort Bilder machen zu lassen, damit das Paar auf jeden Fall einige tatsächlich gute Portraits in den Händen hält. Wenn Sie es sich leisten können, schenken Sie dem Brautpaar ein professionelles Shooting zur Hochzeit, auch wenn das für die meisten als Geschenk wohl außerhalb des Möglichen liegt.

Wenn die aufgezeigten Möglichkeiten nicht in Frage kommen und Sie das persönliche Risiko eingehen wollen, weil Sie es als Herausforderung ansehen oder auch einfach nur keine andere Chance haben, nehmen Sie bitte den folgenden Leitfaden als Hilfe und Gedankenstütze.

1.2 Die Kosten

Auch wenn heutzutage die digitale Fotografie nicht mehr so viel Folgekosten erzeugt wie es analog der Fall war, wo bei einer Hochzeit allein das Filmmaterial und die Entwicklungskosten einige Hundert Euro ausmachen konnten, so ist dennoch auch die Digitalfotografie nicht kostenlos. Die Kameraausrüstung unterliegt dem Verschleiß und muss irgendwann repariert oder ersetzt werden. Die Sichtung der Aufnahmen und das Korrigieren und Nachbearbeiten von einigen Hundert Bildern kostet zum Teil erheblich Zeit. Und Zeit ist Geld. Bedenken Sie anfallende Spesen, die Sie zu tragen haben.

Klären Sie vorab, wie Ihre Ausgaben honoriert werden sollen. Das Brautpaar mag vorab gesagt haben, das wäre alles "kein Problem", sich dann aber erstaunt zeigen, wenn Sie ihnen eine Rechnung über 200€ präsentieren. Hieran sind auch schon Freundschaften zerbrochen. Was, wenn das Paar sich übervorteilt fühlt und Sie nicht auszahlen will? Was, wenn sie es gar nicht können? Können und wollen Sie dieses persönliche oder finanzielle Risiko tragen?


1.3 Ihre Rolle bei der Hochzeit
Bevor wir zu den technischen Belangen kommen, seien mir einige Worte zu Ihrer Rolle bei der Hochzeit gestattet. Bedenken Sie, dass, sobald Sie die Aufgabe als offizieller Hochzeitsfotograf angenommen haben, sich die Art und Weise Ihrer Teilnahme an der Hochzeit grundlegend geändert hat. Ihre Möglichkeiten, mit anderen Gästen in Kontakt zu kommen, sind eingeschränkt worden, denn Sie müssen nun jederzeit bereit sein, fotografisch in Aktion zu treten. Auch Ihre eigene Teilnahme an den Schlüsselszenen - z.B. dem Sektempfang - ist eingeschränkt, denn Sie sollen diesen fotografieren, nicht daran teilnehmen. Beides zugleich geht nicht. Alkohol trinken als solches ist sowieso tabu für Sie. Wenn Sie jemand beim Trinken eines auch noch so kleinen Cocktails oder Glases Champagner beobachtet und auch nur eines der unwiederbringlichen Bilder unscharf oder verwackelt ist, seien Sie sich versichert, dass das Trinken Ihnen zum Vorwurf gemacht werden wird! Selbst der Gang zur Toilette wird zum Risiko. Was ist, wenn in genau dem Augenblick das Paar beschlossen hat, nun die Hochzeitstorte anzuschneiden?

Mit anderen Worten: Sie können auf der Hochzeit Gast sein oder Fotograf. Sie können aber auf keinen Fall beides sein.
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Gruß, Rüdiger - aka scorpio

Geändert von scorpio (20.11.2006 um 13:58 Uhr)
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